Sozialpsychologie: Soziale Kognition

4. Attribution

Grundlagen

  • Zentrale Frage:
    „Warum?“ oder „Wie erklären sich Menschen die Gründe für ihr eigenes Verhalten oder das Verhalten anderer?“
    → Ist der Beobachter dieselbe Person wie der Handelnde, spricht man von Selbstattribution (des eigenen Verhaltens).
  • Bedeutung:
    Attribution bedeutet „Ursachenzuschreibung“. Die Bezeichnung  Kausalattribution hat genaugenommen eine erweiterte Bedeutung (≈ „Gründe für die Ursache“), wird jedoch meist synonym verwendet.
  • Ziel:
    Wahrgenommene
    Ursachen werden interpretiert – diese können von den tatsächlichen abweichen. Es geht also nicht um objektive Ursachen für Handlungen und Ereignisse, sondern um die Vermutungen der Menschen.
  • Anfänge:
    Geprägt wurde das Konstrukt von Fritz Heider (1958). Er untersuchte hierzu auf einer gestaltpsychologischen Basis, wie sich Menschen das Verhalten ihrer Mitmenschen erklärten – insbes. in Bezug auf deren Dispositionen:
    „Wenn wir das Verhalten von Menschen verstehen und vorhersagen wollen, müssen wir wissen, was die Menschen glauben und denken, weil das ihr Verhalten steuert.“
    (Fritz Heider)

Das Verhalten wird in seiner Theorie einerseits auf Persönlichkeitsvariablen (internale Faktoren) und andererseits auf Umgebungsvariablen (externale Faktoren) zurückgeführt, z.B.: „Sie schimpft ihn,“ (bzw. „Er schimpft sie,“) :

  •  weil sie (er) schnell verärgert ist (internaler Faktor)
  •  er ihren Hochzeitstag (sie sein Fußballspiel) vergessen hat 😉
    (externaler Faktor).

 

Attributionsmodell nach Heider

(auf Basis der Feldtheorie Lewins):

Dimensionen der Attribution:

  • Lokation/Personabhängigkeit (internal vs. external):
    Liegt die Ursache für ein Verhalten oder Erleben in der Person (internale Faktoren) oder in der Situation (externale Faktoren)?
  • Stabilität über die Zeit (stabil vs. variabel):
    Ist die Ursache für ein Verhalten oder Erleben über die Zeit stabil (z.B. Fähigkeiten, Schwierigkeit) oder variabel (z.B. Anstrengung, Zufall)?
  • Kontrollierbarkeit (kontrollierbar vs. machtlos):
    Unterliegt das Verhalten oder Erleben der willentlichen Kontrolle des Handelnden oder ist es ein automatischer/willkürlicher Prozess?
  • Globalität (global vs. spezifisch):
    Ist eine Ursache für ein Verhalten oder Erleben über viele Situationen hinweg wirksam oder nur in bestimmten Situationen.

Theorie der leistungsbezogenen Attribution (Weiner 1979):

Erfolge und Misserfolge veranlassen uns in hohem Maße zu Attributionen und somit auf künftige Erwartungen, Motivationen oder Emotionen. Drei grundlegende Kausalfaktoren bestimmen diesen Prozess:  Lokation, Stabilität und Kontrollierbarkeit.

Kovariationstheorie (Kelley 1967) – 3 Arten von Informationen:

  • Distinktheitsinformationen:
    Informationen darüber, wie sich die Person bei verschiedenen Stimuli verhält:
    hohe Distinktheit: Die Person reagiert auf verschiedene Stimuli anders.
  • Konsistenzinformationen:
    Informationen darüber, wie der Handelnde – bezogen auf den gleichen Stimulus – in verschiedenen Situationen reagiert:
    hohe Konsistenz: Die Person reagiert auf diesen Stimulus auch in verschiedenen Situationen auf die gezeigte Art und Weise.
  • Konsensusinformationen:
    Informationen darüber, ob und wie sich andere Menschen in derselben Situation verhalten:
    hoher Konsensus: Andere Personen reagieren auf den gleichen Stimulus in der gleichen Art und Weise.

 

Theorie der erlernten Hilflosigkeit (Seligman 1975):

Erleben Menschen sich und ihre Handlungen als wirkungslos, so kann die Erwartungshaltung entstehen, dass auch zukünftige Handlungen keine Auswirkungen haben werden. Entwickelt als lerntheoretische Erklärung für Depressionen.

→ Kontingenz von Handlung und deren Erfolg stehen im Fokus.

Attributionsfehler und -verzerrungen

Attributionen werden häufig nicht ausschließlich rational getätigt, so dass es zu Verzerrungen (engl. bias) in der Informationsverarbeitung kommen kann.

Insbesondere unter Zeitdruck bzw. bei schnellen und kurzfristigen Attributionen kommt es Attributionsverzerrungen (vgl. „erster Eindruck“ Kap. 7 oder Gefühlsheuristik Kap. 8).

Die bekanntesten Attributionsverzerrungen sind:

  •          Selbstwertdienliche Verzerrung (self-serving-bias; vgl.  Kap. 2)
  •          Korrespondenzverzerrung oder Fundamentaler Attributionsfehler
  •          Akteur-Beobachter-Divergenz

 

Attributionsfehler – Korrespondenzverzerrung:

  • Definition:
    Die Tendenz, das Verhalten anderer Menschen überwiegend anhand von Persönlichkeitsmerkmalen (internale Faktoren) zu erklären und dabei die Macht des sozialen Einflusses (externale Faktoren) zu unterschätzen.
  •  Experiment von Jones & Harris (1967):
    • TN sollten einschätzen, wie eine Person zu Fidel Castro eingestellt ist.
    • Hierzu sollten sie einen Aufsatz lesen, in dem sich diese Person (ein Kommilitone der teilnehmenden Studierenden) für Castro aussprach.
    •  Der 1. TN-Gruppe wurde mitgeteilt: „Der Kommilitone konnte sich frei zu einer Haltung entscheiden.“ Bei der 2. Gruppe sei der Kommilitone zu einer pro-Castro Haltung aufgefordert worden.
    • Ergebnis:
      Trotz der Verpflichtung zur pro-Castro Haltung wurde in der 2. Gruppe in der Mehrheit eine solche zugeschrieben.
  • Experiment von Ross, Amabile & Steinmetz (1977):
    Simulation einer Quizshow. Randomisierte Zuweisung der Rollen des Quizmasters, des Kandidaten und des Beobachters an die TN.
    Der Quizmaster sollte sich 10 Fragen zur Allgemeinbildung ausdenken, die herausfordernd, aber nicht unlösbar sein sollten.
    → Sowohl die Kandidaten selbst als auch die Quizmaster bewerteten die Kandidaten signifikant schlechter als die Quizmaster:

 

→ Kandidaten und Beobachter bewerteten den Unterschied zwischen Quizmaster und Kandidaten deutlich größer als die Quizmaster:

→ In einem unabhängigen „Kontrollquiz“ aller Teilnehmer wurde kein signifikanter Fähigkeitsunterschied zwischen den Untersuchungsteilnehmern festgestellt.

 

  • Kulturelle Abhängigkeiten – Untersuchung von Miller (1984)
    Befragte Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Indien und den USA, bezüglich Erklärungen, die diese für abweichendes und prosoziales Verhalten gaben.
    → Im Laufe der Entwicklung scheinen US-Amerikaner zu lernen, dispositionale Erklärungsansätze zu bevorzugen, im Gegensatz zu hinduistischen Indern.

→ Vgl. Sozialisation in Foliensatz zur Soziale Gruppen.

Attributionsfehler – Akteur-Beobachter-Divergenz:

  • Definition:
    Menschen neigen dazu, ihr eigenes Verhalten eher auf die Situation und das Verhalten anderer eher auf deren Dispositionen zu attribuieren.
  • Gründe sind u.a.:
  1. Jeder verfügt über ein großes Spektrum an Konsistenzinformationen zu seiner eigenen Person. Dadurch wird eher die aktuelle Situation mit anderen verglichen, um das eigene Verhalten zu attribuieren.
    Die Bandbreite der Informationen über den beobachteten Akteur in unterschiedlichen Kontexten ist dagegen eher gering, daher wird eher auf die Persönlichkeit als auf die Situation geschlossen.
  2. Die Beobachtung eines Akteurs verlangt vom Beobachter einen gewissen Grad an Aufmerksamkeit (→ perzeptuelle Salienz). Werden andere Personen fokussiert, verringern sich die wahrgenommenen Details der Situation. Ist man selbst Akteur ist die Aufmerksamkeit hingegen stark auf die Umgebung ausgerichtet.
  • Experiment von Storms (1973):
    Ausgangshypothese: Die divergierende optische Perspektive von Akteur und Beobachter führt zu unterschiedlichen Attributionen.
    Experimentelles Design (vgl. Abb. weiter unten):
    • 1. Phase: Zwei TN sollten ein Kennenlerngespräch führen, dabei wurde jeder von einem weiteren TN beobachtet. Zusätzlich wurden die beiden Gesprächspartner jeweils einzeln gefilmt.
    • 2. Phase: Experimentelle Manipulation: Gruppe 1 erhält keine weitere Beeinflussung, Gruppe 2 sieht das aufgenommene Video mit gleichem Blickwinkel an und Gruppe 3 sah das Video aus veränderter Perspektive.
    • 3. Phase: Attribution des Verhaltens der Akteure durch die Beobachter und sich selbst, bezogen auf den Anteil persönlicher und situativer Variablen.

Ergebnisse:
Die Verwendung situativer Attributionen hängt stark von der Beobachtungsperspektive ab.

→ Die Verwendung situativer Attributionen hängt stark von der Beobachtungsperspektive ab.

→ Unaufmerksamkeit gegenüber situativen Faktoren kann korrigiert werden, indem die Perspektive bzw. die
Aufmerksamkeit manipuliert wird.

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